Der Blick zurück
2. November 2007Gestern morgen in London (meiner unter europäischen Gesichtspunkten betrachteten aufgerundeten Heimat) angekommen, blicke ich auf New York als Komplex aus fühlbaren Gegensätzen zurück. Eine Stadt, die Tag und Nacht ein Erlebnis bleibt – in gleichverteilt positivem und negativen Sinne. Auch der Ausflug nach Washington D.C., einer viel ruhigeren und in ihrer Bebauungshöhe beschränkten Stadt, war etwas Unvergessliches, dass ich letztlich meiner Spontanität, aus dem Bauch heraus Flüge zu buchen, aber besonders der großzügigen Gastfreundschaftlichkeit meiner Kollegen Jan (wir hatten nicht nur in seiner heizungsfreien Absteige in Brooklyn unglaublich viel Spaß) und Julian (der Inbegriff für Jumping-Fotos und zwangloses Rumcruisen durch D.C., Fairfax und Ashburn) zu verdanken habe.
New York riecht und stinkt. Nach frischer Meeresluft am JFK-Airport und nach Fäulnis in der Subway. New York ist nicht Amerika, ein Platz für sich, der dicht bebaut und vielfältig bevölkert in der Welt alleine steht. Und doch zeigt sich auch in der hektisch-städtischen Atmosphäre der Charakter einer Nation: Amerikaner sind im sozialen Umgang häufig offen und unkompliziert kumpelhaft und dabei auf alles stolz, was Platz für eine amerikanische Flagge hat. Und das in einer Metropole, die in ihrem Kern unterschiedlicher nicht sein könnte und gedachte Landesgrenzen im Schritttempo offeriert. Von luxuriösen Wolkenkratzern mit goldenen Aufzügen bis zu verdreckten Behausungen fernab jeder zulässigen Personendichte, von populärem Reichtum in Manhattan bis zu bettelarmer Hilflosigkeit in der südlichen Bronx, von selbstverständlichem Anstand (niemand entwendet das frei zugängliche Kinderspielzeug in Parks mit darüber hinaus kostenfrei verfügbarem Wireless) bis zu Kopfschüssen beim Ausblick aus dem Fenster ein paar Blocks weiter (so unsere lokale Tageszeitung eines morgens). Es gibt alles. Man bekommt alles. Die trotz aller Widrigkeiten spürbar fröhlich-unbeschwerte Vaterlands- und Freundesliebe des amerikanischen Volkes schließt, von der Medienindustrie fundiert, ein markantes Nationalbewusstsein ein, welches Rekrutierungsbehörden auf dem vergnügungsparkähnlichen Times Square zulässt und Soldaten im Kampf als Männer und Ehemänner unerreichter Ehre bewirbt. Jeder integriert sich mit jedem oder auch nur mit den Seinigen. Ganz wie es ihm beliebt. Und was das Geld zulässt. Denn das Leben, realistisch und hart, dreht sich um das Wesentliche, um Arbeit und Familie. Und was zählt, ist der Blick nach vorne. Das, was wir in unserer eigenen Heimat so schmerzlich vermissen. Denn eine objektive Sichtweise hierauf kann man sich mit dem Flug nach draußen erkaufen. Sei es England, sei es Amerika, sei es jedes noch viel unterschiedlichere Land der Welt. In einer anderen Kultur wird die Sicht schärfer. Kritischer.
Deutschland muss sich seiner müden Beschwerdementalität entledigen. Im Angesicht seines unerreichten kulturellen Gewichts, seines beispiellosen volkswirtschaftlichen Wohlstands und einer sozialen Marktwirtschaft mit ihren großzügigen Sozialleistungen, von denen andere nur träumen können. Im Schnitt hat unser Volk genug an Bier und Brot, ob Arbeit oder nicht. Es genießt Demokratie, Chancengleichheit und Religionsfreiheit. Es wird nicht mit Waffe oder Willkür seiner wenigen Habseligkeiten entledigt, seine Männer und Frauen sind nicht im Krieg. Wir werden im Ausland respektiert, politisch und persönlich. Deutschland schafft und bietet Märkte. Wir können stolz sein auf das, was wir haben. Was wir geleistet haben. Auf eine Geschichte vor dem dritten Reich, auf den Wiederaufbau und das neue Deutschland. Auf unsere Industrie mit ihren ingeneurstechnischen Meisterleistungen, die Weltruhm und Respekt einholen.
Auch unsere Stärke ist die Arbeit. Eine junge Generation mit spärlichem Nachwuchs, der die wettbewerbsfähige Arbeitsleistung von morgen erbringt, verlässt die deutsche Heimat in der Flucht vor allgegenwärtigem Missmut. Mit der unreflektierten Sehnsucht im Herzen, endlich unbefangen das erreichen zu dürfen und zu können, was uns das ferne Ausland suggeriert. Was Medien an jeden Bürger herantragen, ist ein Amerika, das Hoffnung hat und Stärke zeigt. Ein China, das wächst. Ein Australien, das Spaß macht. In einer Zeit, in der Deutschland über Rentenreformen klagt. Wenn man hierzulande beginnt, die Lebensqualität, welche man erreicht hat, als unterer Standard hinzunehmen und über jede Veränderung großväterlich engstirnig zu schimpfen, entfernt man sich immer weiter von dem Ziel, ein mutiges Deutschland im In- und Ausland zu demonstrieren. Was Bildung und Wirtschaft draußen und vor allem im Land attraktiv erscheinen lässt und mitreißt. Also, sehr geehrte Damen und Herren, ich wünsche mir einen neuen Optimismus. Lasst uns Flagge zeigen, und das nicht nur zur Fußball-WM. Die Debatte, wie man Nationalstolz unbedenklich formuliert, ist hinfällig und genauso bürokratisch wie andere konstruierte unflexible Strukturen, die uns im Wege stehen. Aufbruchstimmung muss nicht nur vorsichtig propagiert werden, sondern gelebt sein. Und stolze Heimatliebe, geweckte Zuversicht und Mut zum Wagnis sind der Anfang.
Sabbel Sabbel Sabbel! Du hast zu viel Zeit und ich zu wenig;)
gruss!
Mensch kwiat, neues hast du´ueber deutschland nicht gesagt die beschwerdementaliat versuchen wir schon seit fast 50 jahren loszuwerden. nur damals haben wir uns auf wesentlich niedrigerem niveau beschwert wie wir es heute tun.
Viele Gruesse
Lisa
verdammt es heisst als wir es heute tun…
grml
die scheiss sueddeutsche dialektik grml
Ich freu mich echt auf deine Kolumne in der TAZ. Du wirst bestimmt eine bekommen. Dann fang ich bestimmt auch mal an mir sowas zu kaufen. Und vielleicht weiss ich dann auch soviel über Kultur, wie andere.